top of page

The one Shot of a Bear: Zwei Jahre. Drei Versuche. Ein Morgen im Glacier.

Autorenbild: Jakob Kreusch
Jakob Kreusch
23. Juni
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Aug.

Manche Ziele verfolgt man. Andere verfolgen einen zurück.


Naturfotografie in Deutschland und Amerika


Naturfotografie ist ein faszinierendes Feld. Ich habe mich entschieden, meine Leidenschaft für die Fotografie mit einer besonderen Herausforderung zu verbinden. Seit 2023 stand ein Bär in freier Wildbahn auf meiner Liste. Nicht im Zoo oder auf einem geführten Tour-Bus mit 40 Leuten. Ich wollte einen echten, wilden Bären fotografieren, nah genug für ein Bild, das ich zeigen kann. Zwei Jahre lang war dieser Gedanke präsent.


Damals hatte ich gerade mein Ziel eines Milchstraßenfotos umgesetzt. Kurz darauf sichtete ich einen Grizzly und konnte ihn aus der Ferne fotografieren. Allerdings war das Bild weit entfernt von einem Portrait oder Highlight-Bild. Ab diesem Zeitpunkt begann meine Suche. Ich kaufte ein neues Objektiv, ein Sigma 150-600mm, um keine Range zu weit zu haben. Auf dieser Suche entstanden viele beeindruckende Fotos, allen voran dieses. Doch trotz langem Ansitzen und dem Wandern durch Wald und Wiesen musste ich ohne das Bild eines Bären heimkehren.


Ein neues Abenteuer in Montana


Im Jahr 2025 war ich wieder in den Rocky Mountains, in Montana. Der Glacier Nationalpark, Apgar Campground, direkt am Lake McDonald. Wir waren zu dritt, hatten zwei Zelte, einen Pick-up und Pläne, die sich von Tag zu Tag neu erfanden. Die perfekte Ausgangslage für meine Fotografie.


Wer schon einmal auf einem Campingplatz in Bärengebieten geschlafen hat, weiß: Man hört Dinge. Manchmal ist es der Wind, manchmal ein Waschbär, manchmal die Phantasie. Diese Nacht war es jedoch kein Geräusch von diesen. Irgendwo nahe des Camps war ein Bär zu hören. Ein dumpfes Geräusch, Äste, die brechen, und das charakteristische Schnüffeln, das man einmal gehört hat und nie wieder vergisst.


Die Motivation steigt


Meine Motivation für den nächsten Morgen war auf einem Level, das ich selten kenne. Bären im Glacier Nationalpark sind keine Seltenheit. Der Park beherbergt sowohl Schwarz- als auch Grizzlybären. Schwarzbären sieht man häufiger in Waldnähe und entlang von Straßen, während Grizzlys offeneres Gelände und subalpine Zonen bevorzugen. Ich stellte mir einen Grizzly vor, aber zunächst ging es mir darum, überhaupt einen Bären zu sehen. Meine Referenz war der oben abgebildete Chipmunk. Für einen deutschen Naturfotografen eine fast einmalige Errungenschaft.


Der Beginn der Jagd


Früh am Morgen stand ich auf. Die anderen beiden schliefen noch in ihren Zelten. Ich hinterließ einen kurzen Zettel, wo ich hinfuhr und wann ich zurück sein wollte. Außerdem ließ ich ihnen das Bärenspray und eine Gallone Wasser da. Im Nachhinein war das vielleicht nicht die cleverste Entscheidung, schließlich ging ich ja Bären suchen. Doch im Moment fühlte es sich richtig an.


Ich checkte meine Kamera: Sony A7 IV, Sony 70-200mm GM II und das Sigma 150-600mm. Ich packte alles auf den Beifahrersitz. Der Motor lief, das Fenster war runter, und langsam ging es los. Die Going-to-the-Sun Road kurz vor Sonnenaufgang ist etwas Besonderes. Kaum Verkehr, das Licht weich und orange, der See links ruhig wie Glas. Ich fuhr beinahe im Schritttempo, mit beiden Augen weit offen, und suchte jeden Straßenrand ab. Gerade Schwarzbären sind stark dämmerungsaktiv. Früh morgens und abends sind die besten Zeiten. Jetzt war die beste Zeit.


Auf der Suche nach Spuren


Nach einer Weile ließ ich das Auto stehen und marschierte querfeldein. Abseits der Straße, entlang des McDonald Creek, durch Unterholz und über Wurzeln. Bärenspuren suchen ist eine eigene Kunstform. Frische Trittsiegel im weichen Boden, umgewühlte Erde, wo nach Insekten gegraben wurde, abgeschälte Rinde an Bäumen und Losung großer Säugetiere. Man lernt, anders hinzuschauen.


Frisch, tief eingedrückt, eindeutig Bär – das waren die Spuren, die ich abseits der Wege fand. Am Creek musste ich durch den Fluss waten. Das Wasser war kniehoch und eiskalt, die Steine rutschig. Ich hielt die Kamera über den Kopf, zog die Schuhe aus und ging Schritt für Schritt weiter. Auf einer Sandbank in der Flussmitte verlor ich die Spuren. Stattdessen sah ich zwei Rehe am gegenüberliegenden Ufer. Ich setzte mich hin und wartete, ruhig und reglos.


Geduld zahlt sich aus


Diese Übung wollen die meisten Naturfotografen nicht machen, aber sie macht fast immer den Unterschied. Schwarzwild und Rehe gewöhnen sich erstaunlich schnell an eine ruhige menschliche Präsenz, solange man sich nicht bewegt, nicht redet und keinen direkten Augenkontakt hält. Die Rehe kamen langsam auf mich zu. Das Wasser spritzte, als sie rannten, und sie waren nah genug für Bilder, mit denen ich später Wettbewerbe gewinnen sollte. Ein guter Trost für den noch nicht gefundenen Bären und definitiv ein lohnenswerter Morgen.


Rehe Fluss Wildlife Fotografie Glacier Nationalpark – Jakob Kreusch Wildtiere fotografieren
Jakob Kreusch, Aug25, Montana

Zurück zur Straße


Glücklich über das Ergebnis, aber meinem Ziel noch nicht näher, ging es zurück durch den Bach, einen kleinen Hang hoch und zwischen Bäumen entlang zurück zum Auto. Langsam fuhr ich südlich, drosselte das Tempo, hielt die Augen offen und suchte um die Straße. Und dann kam er. Leider ein Auto weiter vorne. Ein Schwarzbär kreuzte in Richtung des Sees den Weg. Doch bis ich auf Höhe war, verschwand er bereits im Unterholz. Für mehr als ein kurzes Handyvideo reichte es nicht.


Ich machte den bestmöglichen Screenshot und war mir sicher: Das kann es nicht sein. Das ist nicht das Ende meiner Suche nach dem Bären und auch nicht mein Anspruch. Ich hielt kurz an und ließ den Moment sacken. Zwei Jahre warten, einen Bären gesehen, dem Ziel kaum näher gekommen. Das ist Wildlife Fotografie! Manchmal kommt der Moment und geht wieder, bevor man reagiert hat. Wildtiere fotografieren bedeutet auch, das aushalten zu können.


Ein neuer Plan


Ich dachte an die Worte eines Parkrangers am Vortag. Er hatte einen selten genutzten Waldweg erwähnt, den nur wenige Servicefahrzeuge befuhren. Keine Wege oder Attraktionen für Besucher, aber frei zugänglich. Das war mein nächstes Ziel und meine größte Hoffnung. Es gab Bären und meine Ziele für die Naturfotografie.


Etwa 20 Minuten fuhr ich in gefühltem Schritttempo durch den Wald. Fenster runter, Motor möglichst leise, jeden Meter mit den Augen absuchen. Nichts. Mit dem großen Pick-up konnte ich nicht wenden, also fuhr ich immer weiter auf dem schmalen Weg. Nach einigen weiteren Kilometern ergab sich die Gelegenheit, mühsam und sehr nah an einem Hang zu wenden.


Der große Moment


Dankbar, das riesige Auto endlich gedreht zu haben, fuhr ich mit dem Gedanken zurück, dass ich sehr starke andere Fotos gemacht hatte. Und dann, nach etwa fünf Minuten auf dem Rückweg, lief er über den Weg. Ein junger Schwarzbär mit dunklem Fell, ganz in Ruhe. Er begab sich zu einem Baum neben der Straße, um dort zu essen und zu verweilen.


Ich hielt sofort an. Eigentlich wollte ich an den Rand fahren, aber der Weg war zu schmal. Also Musik und Motor aus, Fenster halb runter und Kamera raus. Das Set-Up war jetzt die A7 IV mit dem 70-200mm GM II. Ich fotografierte zuerst aus dem Auto heraus, aber perspektivisch war hier nicht viel zu holen. Ich wollte den Bären nicht verschrecken, und die Entfernung von guten 10 Metern war zwar enorm gut, aber mein Perfektionismus sagte, da geht mehr.


Die vielleicht dümmste Idee meiner Foto-Karriere


Ich öffnete vorsichtig die Tür und setzte in langsamstem Tempo einen Fuß nach dem anderen nach draußen. Mein erster Gedanke war: dumme Idee. Der zweite Gedanke verdrängte den ersten sofort: Mega Moment, ein Bär, Traumobjektiv, die Sonne scheint angenehm weich, Natur, Pick-Up-Truck, Freiheit – so viel Gutes kam in diesem Moment zusammen, dass ich alle Sorgen vergaß.


Ich war alleine, ohne jede Absicherung. Nach einigen vorsichtigen Schritten war ich nur etwa sechs Meter von einem Wildtier entfernt, das in seinem Lebensraum erheblich schneller ist als ich. Ich redete mir ein, ich sei schneller im Auto, immer wieder. Aber man erzählt sich in solchen Momenten, was man hören muss. Ich schaffte es tatsächlich, ruhig zu bleiben und ging auf ein Knie. Einerseits aus Respekt vor dem Tier, andererseits, um die Kamera ruhig zu halten. Meine Hände zitterten vor Nervosität und Freude.


Ein unvergesslicher Augenblick


Schwarzbären sind trotz ihrer Größe scheuer als Grizzlys und greifen Menschen deutlich seltener an. Bei einer ruhigen, nicht bedrohlichen Begegnung ist das Risiko überschaubar, solange man keinen starren Augenkontakt provoziert, keine schnellen Bewegungen macht und dem Tier immer seinen Freiraum und einen Fluchtweg lässt. Ich wusste all das und zitterte trotzdem.


Doch der gesunde Menschenverstand und mein Verhalten gegenüber dem Tier reichten wohl aus, dass wir beide ohne dem Anderen zu schaden verweilen konnten. Ich machte Fotos von dem Bären und kurze Videos – ein Moment, von dem ich lange geträumt hatte. Immer wieder schaute der Bär mich an, beobachtete mich und ignorierte mich dann wieder. Ich vertiefte mich in die Kamera und wurde mir immer wieder der Realität bewusst.


Der Rückweg


Ich hatte meine Aufnahmen und begab mich vorsichtig, Rücken voran und den Blick ehrfürchtig gebeugt, zum Auto. Dort musste ich noch einmal das Objektiv wechseln. Bei allen Ergebnissen, die mir das Sigma 150-600mm bereits geschenkt hat, hat es hier leider underperformt. Aber gegen Sonys Top 3000€ Konkurrenten für die Wildlife-Fotografie hat kaum jemand eine Chance.


Ich hatte es auf jeden Fall: Mein Foto eines Bären, und das auf Portrait-Level.


Ein erfüllter Tag


Überglücklich fuhr ich zum Campingplatz zurück. Auch die Bearbeitung ließ ich nicht lange ungetan. Zwei Jahre Ziel erreicht an einem einzigen Morgen im Glacier Nationalpark. Das sogar mit zwei Begegnungen, und eine davon war so authentisch und naturnah wie nur möglich. On Top gab es noch das Bild mit den Rehen.


Ich denke, ein Morgen wie dieser ist der Traum jedes Wildlife-Fotografen. Das Portrait und das Hauptbild des Bären war bereits Titelbild meines letzten Fotokalenders und ziert etliche Hintergründe an meinem Arbeitsplatz. Bei einem Wettbewerb habe ich es tatsächlich noch nie eingereicht. Aber das ist eines der Bilder, bei dem der Moment und die Geschichte dahinter wichtiger sind als die Anerkennung.


Gedanken an den Bären


Manchmal denke ich über den Bären nach. Wie groß er heute sein mag, ob er überhaupt noch lebt? Für ihn war das ein normaler Tag in seinem Lebensraum. Vielleicht ein wenig mehr Mensch als sonst, aber für mich war es eine einmalige Erfahrung.


Viel öfter habe ich diesen Gedanken an den Chipmunk aus 2023. Traurigerweise bin ich mir sicher, dass er tot ist. Im Gegensatz zu Schwarzbären werden Chipmunks nur 6-10 Jahre alt und haben etliche natürliche Feinde. Vielleicht hat er ja Glück und macht noch andere Naturfotografen zu Wettbewerbsgewinnern. Schwarzbären hingegen werden in freier Wildbahn bis zu 30 Jahre alt und haben wenige Feinde. Toi Toi Toi, und vielleicht sehen wir uns im nächsten Sommer wieder. So gering die Chance auch sein mag, dass ein deutscher Naturfotograf das gleiche Tier in Amerika zweimal als Wildlife-Foto festhalten kann.


Schwarzbär Portrait Wildlife Fotografie Montana – Jakob Kreusch Wildlife Fotograf Deutschland
Jakob Kreusch, Aug25, Montana

Wenn dich solche Momente faszinieren und du Wildlife Fotografie oder Naturfotografie suchst, schau dir meine Naturseite an oder melde dich direkt.

Kommentare


bottom of page