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The one Shot of a Bear: Zwei Jahre. Drei Versuche. Ein Morgen im Glacier.

  • Autorenbild: Jakob Kreusch
    Jakob Kreusch
  • 23. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Juni

Manche Ziele verfolgt man. Andere verfolgen einen zurück.



2023

Naturfotografie Deutschland? Zum üben, doch Naturfotografie Amerika heißt es in diesem Artikel. Seit 2023 hatte ich einen Bären in freier Wildbahn auf meiner Liste für Fotos. Nicht im Zoo, nicht auf einem geführten Tour-Bus mit 40 Leuten und Teleskopen. Einen echten, wilden Bären, nah genug für ein Bild das ich auch wirklich zeigen kann. Zwei Jahre lang war das ein Gedanke der immer wieder auftauchte. Damals hatte ich gerade mein Ziel eines Milchstraßenfotos umgesetzt, als ich kurz darauf

Chipmunk Portrait Wildlife Fotografie – Jakob Kreusch Naturfotograf Deutschland
Jakob Kreusch, Aug23, Colorado

einen Bär sichtete, einen Grizzly, und entfernt fotografieren konnte, allerdings weit entfernt von Portrait oder Highlight Bild. Ab diesem Zeitpunkt suchte ich, ich kaufte extra noch ein neues Objektiv, ein Sigma 150-600mm um auch ja keine Range zu weit zu haben. Auf dieser Suche entstanden viele starke Fotos, allen voran dieses. Allerdings musste ich trotz langem Ansitzens und durch Wald und Wiesen zu laufen damals ohne das Bild eines Bären heimkehren. 2025 war ich wieder in den Rockys, in Montana. Glacier Nationalpark. Apgar Campground, direkt am Lake McDonald. Drei von uns, zwei Zelte, ein Pick-up und Pläne die sich von Tag zu Tag neu erfunden haben. Die perfekte Ausgangslage.


2025

Wer schon mal auf einem Campingplatz in Bärengebieten geschlafen hat weiß: Man hört Dinge. Manchmal ist es Wind, manchmal ein Waschbär, manchmal die Phantasie. Diese Nacht war es keines von beidem. Irgendwo nahe des Camps war ein Bär zu hören, ein dumpfes Geräusch, Äste die brechen, das charakteristische

Apgar Campground Glacier Nationalpark Naturfotografie – Jakob Kreusch Wildlife Fotograf

Schnüffeln das man einmal gehört hat und nie wieder vergisst. Meine Motivation für den nächsten Morgen war damit auf einem Level das ich selten kenne. Bären im Glacier sind keine Seltenheit, der Park beherbergt sowohl Schwarz- als auch Grizzlybären, wobei Schwarzbären häufiger in Waldnähe und entlang von Straßen gesichtet werden, Grizzlys bevorzugen offeneres Gelände und Subalpine Zonen. Die Vision in meinem Kopf war ein Grizzly, aber nicht bewusst, grundlegend ging es erstmal um überhaupt einen Bär, meine Referenz, auf welchem Level das Bild sein sollte, war der oben abgebildete Chipmunk. Für einen deutschen Naturfotografen eine fast abwegig einzigartige Errungenschaft.



Start of the Hunt

Früh aufgestanden, die anderen beiden noch in ihren Zelten, habe ich einen kurzen Zettel hinterlassen wo ich hinfahre, wann ich zurück sein will und ihnen das Bärspray und eine Galeone Wasser dagelassen. Im Nachhinein vielleicht nicht die cleverste Entscheidung meines Lebens, schließlich ging ich ja Bären suchen. Im Moment fühlte es sich richtig an. Kamera gecheckt. Sony A7 IV, Sony 70-200mm GM II und das Sigma 150-600mm auf den Beifahrersitz gepackt. Motor an, Fenster runter und langsam ging es los. Die Going-to-the-Sun Road kurz vor Sonnenaufgang ist etwas besonderes. Kaum Verkehr, das Licht noch weich und orange, der See links ruhig wie Glas. Ich bin beinahe Schrittempo gefahren, beide Augen weit offen, jeden Straßenrand am absuchen. Gerade Schwarzbären sind stark dämmerungsaktiv, früh morgens und abends sind die besten Zeiten. Jetzt war die beste Zeit. Ich dachte an alle Wildlife Fotografie Tipps und Tricks. Aber nichts.


Mc Donald Creek

Nach einer Weile habe ich das Auto stehen lassen und bin querfeldein marschiert. Abseits der Straße, entlang des McDonald Creek, durch Unterholz und über Wurzeln. Bärenspuren suchen ist eine eigene Kunstform, frische Trittsiegel im weichen Boden, umgewühlte Erde wo nach Insekten gegraben wurde, abgeschälte Rinde an Bäumen, Losung großer Säugetiere. Man lernt anders hinzuschauen. Frisch, tief eingedrückt, eindeutig Bär, das waren die Spuren die ich abseits der Wege fand. Am Creek musste ich durch den Fluss waten. Knie tief, eiskalt auch im Sommer, die Steine rutschig, das Wasser hüfthoch. Kamera nach oben, Schuhe aus und Schritt für Schritt ging es weiter. Auf einer Sandbank in der Flussmitte verlor ich die Spuren. Nichts mehr. Die Spur verlor sich im Wasser. Stattdessen sah ich zwei Rehe nahe dem gegenüberliegenden Ufer und etwas flussabwärts. Ich habe mich hingesetzt, und gewartet, ruhig und reglos. Das ist die Übung die die meisten Naturfotografen nicht machen wollen und die fast immer den Unterschied macht. Denn Schwarzwild und Rehe gewöhnen sich erstaunlich schnell an eine ruhige menschliche Präsenz, solange man sich nicht bewegt, nicht redet und keinen direkten Augenkontakt hält. Die Rehe sind langsam auf mich zugekommen, entgegen dem Strom spritzte Wasser, die Rehe rannten ein wenig und das nah genug für Bilder mit denen ich später Wettbewerbe gewinnen sollte Ein guter Trost für den noch nicht gefundenen Bären und definitiv ein lohnenswerter Morgen.

Rehe Fluss Wildlife Fotografie Glacier Nationalpark – Jakob Kreusch Wildtiere fotografieren
Jakob Kreusch, Aug25, Montana

Back to the Road

Glücklich über das Ergebnis aber meinem Ziel noch nicht näher, ging es zurück durch den Bach, einen kleinen Hang hoch und zwischen Bäumen entlang zurück zum Auto und dann langsam südlich, Tempo gedrosselt, Augen auf und um die Straße. Und dann kam er, leider ein Auto weiter vorne, ein Schwarzbär kreuzte in Richtung des Sees den Weg. Bis ich jedoch auf der Höhe war verschwand er

Schwarzbär Straße Glacier Nationalpark – Jakob Kreusch Wildlife Fotografie Wildtiere fotografieren

bereits im Unterholz und für mehr als ein kurzes Handy Video reichte es nicht. Ich machte den best möglichen Screenshot und war mir sicher: Das kann es nicht sein. Das ist nicht das Ende meiner Suche nach dem Bär und auch nicht mein Anspruch. Ich habe kurz angehalten. Den Moment sacken lassen. Zwei Jahre warten, einen Bären gesehen, dem Ziel kaum näher gekommen. Das ist Wildlife Fotografie! Manchmal kommt der Moment und geht wieder bevor man reagiert hat. Wildtiere fotografieren bedeutet auch das aushalten zu können. Und dann habe ich an die Worte eines Parkrangers am Vortag gedacht.


Out in the Forrest

Dieser hatte einen selten genutzten Waldweg erwähnt den nur wenige Male am Tag Service Fahrzeuge befuhren, keine Wege oder Attraktionen für Besucher, aber frei zugänglich. Das war mein nächstes Ziel und meine größte Hoffnung, es gab Bären, es gab meine Ziele für die Naturfotografie und die Wildlife Bilder die ich so sehr aufnehmen wollte. Ca. 20 Minuten in gefühlt Schritttempo fuhr ich durch den Wald. Fenster unten, Motor möglichst leise, jeden Meter mit den Augen am ab suchen. Nichts. Mit dem großen Pick-up konnte ich nicht wenden, also fuhr ich immer weiter auf dem schmalen Weg und erst nach einigen weiteren Kilometern ergab sich die Gelegenheit mühsam, knapp und sehr nah an einem Hang zu wenden. Dankbar das riesige Auto endlich gedreht zu haben fuhr ich mich mit dem Gedanken anfreundend anstatt dem Bären sehr starke andere Fotos gemacht zu haben in Richtung zurück zum Campground. Und dann, nach etwa fünf Minuten auf dem Rückweg ist er über den Weg gelaufen. Ein junger Schwarzbär mit dunklem Fell und in aller Ruhe. Er begab sich zu einem Baum neben der Straße um dort zu essen und zu verweilen.


Die vielleicht dümmste Idee meiner Foto Karriere

Ich habe sofort angehalten, eigentlich wollte ich an den Rand fahren aber so viel Weg gab es nicht, zu schmal, also Musik und Motor aus, Fenster halb runter und Kamera raus. Set Up jetzt war die A7 IV mit dem 70-200mm GM II. Ich fotografierte zuerst aus dem Auto herraus, aber perspektivisch war hier nicht viel zu holen, ich wollte den Bären auch nicht verschrecken und die Entfernugn von guten 10 Metern war zwar enorm gut aber mein Perfektionismus sagte da geht mehr. Also öffnete ich vorsichtig die Tür und setzte in langsamsten Tempo einen Fuß nach dem anderen nach draußen. Mein erster Gedanke war: dumme Idee. Der zweite Gedanke allerdings hat den ersten sofort verdrängt: Mega Moment, ein Bär, Traumobjektiv, die Sonne scheint angenehm weich, Natur, Pick Up Truck, Freiheit, so viel Gutes kam in dem Moment zusammen, so dass ich alle Sorgen vergaß, auch den Gedanken daran, dass in der nähe eines jungen Bären meist die Mutter ist... Das Bärspray hatte ich ja bei den Anderen gelassen, obwohl das glaube ich sowieso nur begrenzt in manchen Situationen hilft. Ich war alleine, ohne jede Absicherung. Nach einigen vorsichtigen Schritten nur etwa sechs Meter von einem Wildtier entfernt dass in seinem Lebensraum erheblich schneller ist als ich. Ich habe mir eingeredet ich sei schneller im Auto, immer und immer wieder, auch wenn das natürlich Quatsch war. Aber man erzählt sich in solchen Momenten was man hören muss. Ich schaffte es tatsächlich ruhig zu bleiben und ging auf ein Knie, einerseits aus Respekt vor dem Tier, andererseits um die Kamera ruhig zu halten, denn meine Hände haben gezittert wie selten, aus Nervosität aber auch aus Freude, aus dem Bewusstsein heraus, dass genau das passiert wofür ich zwei Jahre gewartet hatte.

Schwarzbären sind trotz ihrer Größe scheuer als Grizzlys und greifen Menschen deutlich seltener an. Bei einer ruhigen, nicht bedrohlichen Begegnung ist das Risiko überschaubar, solange man keinen starren Augenkontakt provoziert, keine schnellen Bewegungen macht und dem Tier immer seinen Freiraum und einen Fluchtweg lässt. Ich habe all das gewusst. Und trotzdem gezittert. Jedoch haben der gesunde Menschenverstand und mein Verhalten gegenüber dem Tier wohl ausgereicht, dass wir beide ohne dem Anderen zu schaden verweilen konnten.

Schwarzbär Nahaufnahme Wildlife Fotografie Glacier – Jakob Kreusch Naturfotograf Deutschland
Jakob Kreusch, Aug25, Montana

Ich habe Fotos von einem Bär gemacht und kurze Videos, ein Moment von dem ich lange geträumt habe. Immer wieder hat der Bär mich angeschaut, beobachtet und wieder ignoriert, immer wieder habe ich mich in die Kamera vertieft und immer wieder ist mir aufs Neue die Realität bewusst geworden. Ich hatte meine Aufnahmen und begab mich vorsichtig, Rücken vorran und den Blick erfürchtig gebeugt, zum Auto. Dort musste ich dann noch einmal das Objektiv wechseln, bei allen Ergebnissen die mir das Sigma 150-600 bereits geschenkt hat, hat es hier leider underperformet, aber gegen Sonys Top 3000€ Konkurrenten für die Wildlife Fotografie auf einem anderen Level, hat auch kaum jemand eine Chance. Ich hatte es auf jeden Fall: Mein Foto eines Bären und das auf Portrait Level.



Done

Überglücklich fuhr ich zum Camping Platz zurück und auch die Bearbeitung ließ ich nicht lange ungetan. Zwei Jahre Ziel erreicht an einem einzigen Morgen im Glacier Nationalpark und das sogar so gesehen mit zwei Begegnungen und einer davon so authentisch und Naturnah wie nur irgendwie möglich und On Top gab es noch das Bild mit den Rehen. Ich denke ein Morgen wie dieser ist der Traum jedes Wildlife Fotografen.

Das Portrait und Main Bild des Bären war bereits Titelbild meines letzten Foto Kalenders und ziert etliche Hintergründe bei mir am Arbeitsplatz. Bei einem Wettbewerb habe ich es tatsächlich noch nie eingereicht. Aber das ist eines der Bilder bei dem der Moment und die Geschichte dahinter wichtiger sind als die Anerkennung. Manchmal denke ich über den Bär nach, wie groß er heute sein mag, ob er überhaupt noch lebt? Denn für ihn war das ein normaler Tag in seinem Lebensraum, vielleicht ein wenig mehr Mensch als sonst, aber für mich war es eine einmalige Erfahrung. Viel Öfter habe ich diesen Gedanken an den Chipmunk aus 2023, traurigerweise bin ich mir sicher, dass er tot ist, denn im Gegensatz zu Schwarzbären werden die nur 6-10 Jahre alt und haben etliche natürliche Feinde, vielleicht hat er ja aber auch Glück und macht noch andere Naturfotografen zu Wettbewerbsgewinnern. Schwarzbären hingegen werden in freier Wildbahn bis zu 30 Jahre alt und haben wenige Feinde, also Toi Toi Toi und vielleicht sehen wir uns im nächsten Sommer wieder. So gering die Chance auch sein mag, dass ein deutscher Naturfotograf das gleiche Tier in Amerika zweimal als Wildlife Foto festhalten kann.

Schwarzbär Portrait Wildlife Fotografie Montana – Jakob Kreusch Wildlife Fotograf Deutschland
Jakob Kreusch, Aug25, Montana

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